> Protoplasten, zellwandlose Pflanzenzelle <

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> Interview mit Christof Sautter, November 2001 <

Was ist das Ziel Ihres Projekts?

Das Projekt hat zwei Ziele. Erstens betreiben wir Grundlagenforschung. Wir wollen herausfinden, wie Pflanze und Pilze miteinander interagieren, und in unserem speziellen Fall ist es halt eine transgene Pflanze. Das zweite Ziel betrifft eine Anwendungsperspektive, die sich aus dem Projekt ergeben könnte. Mir ist es nicht zuwider, wenn sich herausstellen sollte, dass die transgenen Pflanzen für die Landwirtschaft nützlich sein könnten. Dies bedeutet aber nicht, dass wir dann unsere transgenen Pflanzen im Feld grossflächig anbauen würden. Für eine landwirtschaftliche Nutzung müsste eine neue transgene Pflanze hergestellt werden, die alle Biosicherheitsanforderungen für eine "in Verkehrbringung" erfüllt. Doch dies ist ein anderes "Kapitel", das nicht an der ETH bearbeitet wird. Die ETH bleibt bei der Grundlagenforschung und wird immer mit Prototypen arbeiten.


Wie entwickelte sich die Idee für Ihr Forschungsprojekt bzw. wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Projekt durchzuführen?

Gar nicht, ehrlicherweise. Die Idee stammt von meiner ehemaligen Postdoktorandin, Monika Clausen, die anfangs im Weizenprojekt angestellt war. Sie sollte die Transformation von Schweizer Weizensorten voranbringen. Diese Aufgabe war für sie relativ langweilig. Monika hat trotzdem gute Arbeit geleistet und wir konnten schliesslich die Schweizer Weizensorten transformieren. Danach hat Monika gesagt, dass sie jetzt ein Projekt machen möchte, dass sie wirklich interessiert. Ob sie etwas entwickeln darf? Darauf habe ich gesagt: "Ja, lies und dann reden wir drüber!". Und dann kam Monika mit ihrer Idee über die KP-Gene . Sie hatte in einer Publikation gelesen, dass jemand die KP-Gene in Tabak eingeführt hätte und dass diese Gene im Tabak aktiv wären. Wir haben dann bei den Forschern nachgefragt, ob wir diese Gene haben können. Anschliessend hat Monika angefangen, Weizenpflanzen mit diesen KP-Genen zu transformieren. Wir haben für diesen Zweck extra solche Weizensorten ausgesucht, die eine relativ gute Resistenz gegen allerlei Krankheitserreger haben, aber eben nicht gegen Brandpilze. Wenn die KP-Gene in diesen Pflanzen funktionieren, dann bieten sie eine gute Ergänzung zu den bisherigen Eigenschaften dieser Sorte.


Was interessiert Sie persönlich an dem Projekt?

Für mich persönlich ist das Projekt vor allem durch seinen Anwendungsbezug interessant, denn die Brandpilze sind tatsächlich wieder vermehrt ein Problem für die Landwirtschaft. Sie waren bereits im Barock ein grosses Problem, bis schliesslich der Franzose Tillet die Saatgutbeizung einführte. Nach ihm heissen heute viele dieser Brandpilze "Tilletia". Tillet konnte damals keine Chemikalien für die Saatgutbeizung verwenden, denn die gab es noch nicht. Er benutzte stattdessen Urin, Mist und Ähnliches und konnte damit die Krankheit erheblich reduzieren. Doch erst seit wir in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, also nach dem zweiten Weltkrieg, wirksame Chemikalien zur Saatgutbeizung haben, ist die Krankheit in Europa praktisch bedeutungslos geworden. Durch die vermehrte Hinwendung des Landbaus zu nachhaltigen Praktiken, bei denen auf den Chemikalieneinsatz verzichtet wird, treten die Brandpilze jedoch wieder häufiger auf. Zu diesen Brandpilzen gehört neben dem Stinkbrand auch der "karnal bunt" - einen deutschen Namen gibt es für diesen Pilz nicht. Der "karnal bunt" erzeugt dieselben Symptome wie der Stinkbrand und stinkt ebenfalls nach fauligem Fisch. Er war bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts auf Nordindien beschränkt. Doch jetzt ist er im Süden der USA aufgetaucht und sechs Landkreise haben dieses Jahr unter Quarantäne gestanden. Die Bauern haben siebenundzwanzig Millionen Dollar Verlust durch den "karnal bunt" gehabt. Wenn wir gegen diese Brandpilze etwas machen könnten, ohne vermehrt Chemikalien einzusetzen, dann wäre das für mich sehr interessant. Die Chemikalien, die man heutzutage zur Saatgutbeizung verwendet, haben eine gewisse Breitbandwirkung, d.h. sie wirken auf viele Mikroorganismen: auf zahlreiche Pilze und zum Teil auch auf Bakterien. Das Besondere an unserem System ist, dass diese KP-Proteine ganz spezifisch auf Brandpilze wirken. Zu den Brandpilzen gehören ausschliesslich Krankheitserreger. Wenn also unser System eines Tages funktionieren sollte, so würden wir damit zum Beispiel Mykorrhiza-Pilze schonen, die zur Nahrungsaufnahme aus dem Boden für die Pflanze wichtig sind.


Gab es in den letzten Monaten einen grossen Durchbruch in Ihrem Projekt?

Den Durchbruch hatten wir im Sommer '98. Damals sahen wir den Pilzeffekt, besser gesagt den Antipilzeffekt, bei unseren transgenen Pflanzen. Die transgenen Pflanzen waren etwa zu dreissig Prozent weniger vom Stinkbrand infiziert als die nicht-transgenen Pflanzen. Und seither strebe ich ein Freilandexperiment an, um dieses Ergebnis aus dem Gewächshaus unter natürlicheren Bedingungen zu verifizieren.


Gab es in den letzten drei Monaten Rückschläge in Ihrem Projekt?

Ja! Der entscheidende Rückschlag in den letzten drei Monaten war die Ablehnung meines Antrags für ein Feldexperiment . Dabei wäre der Rückschlag zu verkraften gewesen, wenn wir ein viertel Jahr nach der Antragstellung eine Ablehnung erhalten hätten. Aber effektiv ist es jetzt drei Jahre her. Im Prinzip möchte ich seit '98 gerne ein Feldexperiment machen. '98 konnten wir dies wegen der Genschutz-Initiative nicht durchführen. '99 wurde der Antrag nicht bearbeitet, weil ich formal als Privatperson nicht Antragsteller sein kann. Der Antragsteller hätte das Instiut für Pflanzenwissenschaften sein müssen. Dieser Antrag wurde im Jahr 2000 nach Zögern endlich zur Bearbeitung angenommen. Nach einem Jahr ist er jetzt abgelehnt worden. Auch wenn die Entscheidung des BUWALs angefochten und vielleicht eines Tages aufgehoben wird, so kann damit nur eine persönliche Genugtuung und vielleicht ein Vorteil für künftige Anträge erreicht werden. Aber für mein Projekt ist es endgültig aus, sobald ich meine Mitarbeiter nicht weiter finanzieren kann. Zur Zeit werden meine Mitarbeiter über Projektgelder bezahlt, die ich beim Nationalfonds beantragt habe.


Hat es in Ihrem Gebiet neue Entwicklungen gegeben, die einen Einfluss auf Ihr Projekt hatten?

Auf wissenschaftlichem Gebiet hat es schon interessante Entwicklungen gegeben: Die Entschlüsselung vom Erbgut schreitet voran. Bei einigen Lebewesen ist diese Entschlüsselung bereits abgeschlossen, d.h. das Genom ist vollständig sequenziert. Auch beim Weizen kennt man grosse Teile des Erbguts . Inzwischen fängt man beim Weizen an, Untersuchungen mit sogenannten"expressed sequence tags" einzusetzen. Dabei werden kleine Sequenzabschnitte, die von isolierter messenger-RNA stammen, auf einen Chip auftragen. Man kann sich diesen Chip als einen Objektträger vorstellen, auf dem sich hunderte verschiedene kurze Weizen-mRNAs befinden. Es steht uns in Zusammenarbeit mit einem anderen Institut ein Chip zur Verfügung, auf dem sechshundert verschiedene Weizen-mRNAs vorhanden sind. Mit diesem Chip lässt sich untersuchen, wie eine Pilzinfektion die Genaktivität bei einer transgenen Pflanze und im Vergleich dazu bei einer nicht-transgenen Pflanze beeinflusst. Ausserdem kann man feststellen, ob das Transgen die Aktivität der anderen Gene in den gentechnisch veränderten Pflanzen irgendwie beeinflusst. Dies ist eine Fragestellung, die in der Biosicherheitsdiskussion seit Längerem eine wichtige Rolle spielt, ohne dass es bisher Daten dazu gibt.


Was möchten Sie in den nächsten drei Monaten erreichen?

Was ich jetzt unter den gegenwärtigen Umständen sehr gerne erreichen würde, ist, dass das Projekt nicht völlig zusammenbricht. Denn nach der Ablehnung von meinem Gesuch für ein Freilandexperiment besteht effektiv diese Gefahr. Meine finanziellen Mittel reichen nur bis Ende Februar 2002 und darüber hinaus kann ich die Mitarbeiter, die in dem Projekt beschäftigt sind, nicht weiter bezahlen. Bei den Mitarbeitern handelt es sich um einen Postdoktoranden, eine teilzeitangestellte Wissenschaftlerin und um einen Doktoranden. Manchmal erscheint es mir wirklich so, dass die Leute glauben, ich sässe hier in einem wunderbaren Büro, hätte eine Sekretärin und alle Welt würde für mich arbeiten. Aber ich habe keine einzige Stelle, ausser meiner eigenen, die vom Staat, d.h. von der ETH, bezahlt wird. Alle Mitarbeiter muss ich über Drittmittel finanzieren, z.B. über den Nationalfonds oder über andere Institutionen, welche die Forschung unterstützen.


Vielen Dank Herr Dr. Sautter für das Interview.

 

Hintergrund Weizenprojekt
Was hat man bis jetzt gemacht und was soll noch gemacht werden? Hier gibt es ergänzende Informationen zum Weizenprojekt.
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